Wat blifft (Übersetzung s.u.)
Wat blifft
is
en Stück Füür
dat noch brannen sall
wenn dien Hand
de dat schreven hett
al lang
kolt is.
Wat blifft
is
en Woort
dat noch klingen sall
wenn dien Mund
de dat
utsproken hett
al lang
swiegen mutt.
Wat blifft
is
en Stück Minsch
dat de anner söken sall
wenn dien Hart
dat hum
utstüürt hett
al lang
Aske is.
Greta Schoon – eine große ostfriesische Dichterin
Greta Schoon (1909 – 1991), die aus Spetzerfehn stammte, zählte zu den bedeutendsten Figuren der niederdeutschen literarischen Szene des 20. Jahrhunderts. Allein die 1984 erfolgte Auszeichnung mit der Roswitha-Medaille, einem angesehenen Literaturpreis für Frauen, hebt die Ostfriesin weit aus ihrem Umfeld heraus. Sie war Cousine meiner Mutter und Nichte meines Großvaters, des ostfriesischen Heimatdichters Johann Schoon.
Mit ihrer eindringlichen Lyrik, die existenzielle Fragen des Individuums ebenso behandelte wie globale ökologische Bedrohungen, blieb sie einzigartig. In Erinnerung ist sie heute vor allem mit ihren Liedern und Dichtungen für Kinder, so mit dem Martinilied „Mien lüttje Lateern“, das sich in Ostfriesland immer noch großer Beliebtheit erfreut.
Auf eine vergleichbare Resonanz traf seinerzeit nur Oswald Andrae (1926 – 1997), der explizit politische Dichter aus Jever, der als bisher einziger Mundartdichter zu einem Gastaufenthalt in der deutschen Kultureinrichtung Villa Massimo eingeladen wurde (1989/90). Was die Literatin aus Ostfriesland und den Literaten aus Friesland verband, war die begeisterte Aufnahme ihrer Dichtung durch junge Menschen, vor allem in der damaligen Folkszene sowie der Anti-Akw- und Friedensbewegung. Die ältere Generation dagegen konnte sich mit diesen beiden Ausnahmefiguren nicht so recht anfreunden, womit vor allem Greta Schoon bis zuletzt haderte.
Die 1970er und 1980er Jahre waren Zeiten des Aufbruchs, die einhergingen mit der Wiederentdeckung des „Regionalen“ und seiner Sprachen und Mundarten einschließlich des Plattdeutschen. Zur Popularisierung auch anspruchsvoller plattdeutscher Lyrik trugen besonders die Vertonungen durch Liedermacher bei. Diese wurden etwa von der weit über Ostfriesland hinaus bekannten Folk-Alternative Strackholt präsentiert, mit der Greta Schoon auf besonder Weise verbunden war. Diese besonderen Zeitumstände begünstigten sicherlich, dass Greta Schoon und Oswald Andrae vergleichsweise populär werden konnten. Heutzutage würden sie mit ihren Werken vermutlich nicht mehr landen – es gäbe dafür schlichtweg kein größeres Publikum.
Ende der 1970er Jahre rückte Greta Schoon, die ich in meiner Kindheit des öfteren erlebt hatte, verstärkt in mein Blickfeld, als sie mit ihrem schmalen Gedichtband „Kuckuckssömmer“ in der nordwestdeutschen Platt-Szene gewissermaßen durchstartete. Nach meinem Studium in Berlin zog ich mit meiner späteren Frau nach Oldenburg, wo ich journalistisch tätig wurde, zunächst vor allem für den NDR und Radio Bremen. Mehrfach interviewte ich Greta Schoon damals – die Aufnahmen existieren nicht mehr – und es blieb nicht aus, dass ich mich näher mit ihrem Weg und ihrem Werk beschäftigte.
Zu meinen unvergesslichen Erlebnissen zählt, Greta Schoon in Strackholt zu sehen, inmitten all der jungen Menschen und Musiker. Zu hören, wie sie in die lauschende Stille hinein ihre Gedichte vortrug. Und wie andere, Jan & Jürn oder Manfred Jaspers, unter allgemeiner Ausgelassenheit und Begeisterung Kinderlieder der Dichterin präsentierten. Übrigens hat in jüngerer Zeit der schleswig-holsteinische Liedermacher Carsten Langner Greta Schoons „Wo kannst du slapen“ vertont.
Daneben standen andere Momente und Eindrücke. Einmal fragte Greta Schoon mich: „Worüm heiraden ji nich?“ Die ist ja konservativ, ging mir durch den Kopf. Über ihre widersprüchlichen Seiten habe ich mich schon vor Jahren einmal ausgelassen, auch über das Kapitel Nazizeit, zu lesen hier.
Im Kreis unserer großen Familie gab es gewiss niemanden, der Greta Schoon den späten Ruhm nicht gegönnt hätte. Ja, sie hatte es wirklich verdient, so der Tenor. Aber da war ihr gewisses „Abgehobensein“ – so wurde es jedenfalls wahrgenommen –, das immer mal wieder Anlass zu Spötteleien gab. Unvergessen ist mir mein scharfzüngiger Onkel Albert Schoon, der einmal – sinngemäß – sagte: „Bi sovööl Priesen und Ehrungen un all de Mundjeproters um di to kannst ja ok arig worden!“ (Bei so vielen Preisen und Ehrungen und all den Schmeichlern um dich herum kannst du ja auch wunderlich werden!) Auch ist mir von jemand anderen der Satz erinnerlich: „De kennt ja hör egen Verwandtskupp nich mehr.“ Oder: „Se is allmetts (manchmal) as een Tiddeltopp, de sük um sük sülbens dreiht.“
Nun steckt in dem netten Bild vom „Tiddeltopp“, dem Kreisel, aber nicht nur die Selbstbezogenheit, sondern zugleich auch die Ausgelassenheit, die Freude, das Tanzen – wie in dem wunderbaren Kinderlied „Lüttje Mann will danzen“, dem kleinen Jungen, der mit einem Brot im Arm mit sich selber tanzt. So könnte man Greta Schoons Verhalten in ihren letzten Lebensjahren eben auch interpretieren.
Und: Warum sollte man an die Dichterin – genau wie an andere Künstlerinnen und Künstler – besondere Maßstäbe anlegen, was Ethik, Moral und Verhaltensweisen angeht? Zudem ist es mit den Künstler-Ehrungen immer so eine Sache: Was machen sie mit den so Geehrten? Schon eine einzige Ehrung kann Freude und Last zugleich sein, um wieviel mehr gilt das bei Mehrfach-Auszeichnungen. Irgendwann ist das alles wie ein Selbstläufer, denn auch die Preisverleihungsinstitutionen möchten sich mit den Geehrten schmücken. Und was bedeutet es, wenn die Ehrungen spät, gelegentlich sogar in der letzten Lebensphase kommen? Ist das nicht möglicherweise auch mit einer Art bitterem Beigeschmack verbunden, nämlich wenn das Leben schon „gelebt“ ist?
So bleibt mein Bild von Greta Schoon zwiegespalten. Aber für mich stehen weniger ihre „schrägen“, irritierenden Seiten im Vordergrund, sondern ich habe im Laufe der intensiven Beschäftigung mit der Dichterin immer stärker den Eindruck gewonnen, dass sie ihr Lebensthema oder besser ihr Lebenstrauma nie zu verwinden vermochte: den Tod des Vaters im Krieg und als junge Frau den Verlust des Geliebten. Ihre Gedichte bis ins hohe Alter geben davon Zeugnis. Und es schien mir immer, als habe ihre Suche nach einem Platz, wo sie hingehörte und wo sie hätte Gelassenheit und innere Ruhe leben können, nie ein Ende gefunden.
Auf der andern Seite: Erst das Leid, das Alleinsein und das Verlassensein, ebenso die Erschütterung über den Zustand der Welt und die nicht endende Zerstörung von Natur brachten in ihr die Dichtung hervor, die bis heute berührt.
Auf den folgenden Seiten wird eine Auswahl an Texten sowie Film- und Tondokumenten präsentiert, die in Zusammenhang mit Greta Schoon stehen und für ihr Werk und Leben besonders aussagekräftig sind. Grundlage dafür war meine Privatsammlung.
DANK
Für Hilfe, Anregungen, Mitarbeit und ideelle Unterstützung danke ich herzlichst
– Jan Cornelius, Gerd („Ballou“) Brandt, Hanne Klöver, Manfred Jaspers, Iko Andrae, Monika Wojak, Joachim Müller, Manfred Richter, Karin Düpree-Krull, Hinrike Gronewold, Hannelore Kroon, Johannes Ackermann,
– Helga Wilken und Georg Schoon als Verwandten Greta Schoons
– sowie Rico Mecklenburg (Präsident Ostfriesische Landschaft) und Silke Arends (Chefredakteurin Ostfriesland Magazin).
Andreas Wojak – Oldenburg, im Winter 2025/26
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Hinweise
Die insgesamt vier Bücher Greta Schoons sind vergriffen (Dat wi överleven, Van de runne Mann) bzw. derzeit nicht lieferbar (Kuckuckssömmer, Dat Bladenhuus).
Besonders drei Werke sind für Greta-Schoon-Interessierte zu empfehlen, und zwar ein Buch der Autorin Christa Bruns, eine CD des Liedermachers Jan Cornelius und ein Interview mit dem ostfriesischen Verleger Theo Schuster:
- Christa Bruns, Was bleibt, ist ein Feuer – Annäherung an die ostfriesische Dichterin Greta Schoon, SKN Verlag Norden 2005. Das Buch, das auch eine Reihe von Gedicht-Übersetzungen enthält, ist direkt bei SKN erhältlich.
- Jan Cornelius, En Vögelfeer – Plattdeutsche Lieder nach Gedichten von Greta Schoon,1992.
Die CD ist vergriffen, aber als Reprint on demand lieferbar, anzufragen bei jan.cornelius(@t-online.de - In einer Radiosendung lässt sich Theo Schuster (1931-2016) über die niederdeutsche Literatur aus, so auch über Greta Schoon und ihr Werk: A.Wojak_Interview mit dem Verleger Theo Schuster_ Radio Bremen 1998
Weitere umfangreiche Recherchemöglichkeiten zu Greta Schoon bietet die Bibliothek der Ostfriesischen Landschaft .
Ein Teil des Nachlasses von Greta Schoon befindet sich im Stadtarchiv Leer .
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Übersetzung „Wat blifft“:
Was bleibt
ist
ein Feuer
das noch brennen wird
wenn deine Hand
die es geschrieben hat
schon längst
kalt ist.
Was bleibt
ist
ein Wort
das noch klingen wird
wenn dein Mund
der es ausgesprochen hat
schon längst
schweigen muss.
Was bleibt
ist
die Liebe (etwas vom Menschen)
die (das) den anderen suchen wird
wenn dein Herz
das sie (es)
ausgesendet hat
schon längst
zu Asche geworden ist.
Anmerkung: Einige Platt-Kundige haben sich an der Übersetzung versucht – dies hier ist die „Zusammenführung“ unterschiedlicher Versionen. Einigkeit bestand darin, dass das Gedicht „eigentlich“ unübersetzbar ist – zu verschieden sind Platt- und Hochdeutsch in der Art des Ausdrucks und auch der Bedeutung bzw. dem „Schwingen“ und der „Tiefenresonanz“ einzelner Worte und Wortabfolgen.